Ganz scharf: Der Messerschmied aus Fulda

Im Mittelalter brachte sich jeder, der irgendwo zum Essen eingeladen war, sein Messer selber mit. So kostbar wurde eines der ältesten Geräte der Menschheit eingeschätzt. Als Hieb-und Stichwaffe benutzten es unsere Ur-Ahnen. Aber auch heute ist das Messer aus dem Alltag nicht wegzudenken. In Fulda gibt es eine Werkstatt, in der Klingen noch von Hand gefertigt werden.

Der Messerschmied von Fulda bewahrt ein altes Handwerk
Jens Kubesch arbeitet mit traditioneller und moderner Technik

Wenn Jens Kubesch an der Werkbank hinter seinem Geschäft in Fulda steht, fliegen die Funken. Der Stahl, aus dem er seine Messer fertigt, ist fast so hart wie Diamanten. Spezialstahl, aus dem in Handarbeit ein Messer wird: für Jäger, Angler, Polizisten, Soldaten oder für Sammler. „Mit der Zeit wird man ein Fan guter Messer“, sagt der 33-Jährige, der als Messerschmiede-Meister zu den letzten seiner Art in Deutschland gehört.

Die Messerschmiedekunst gehört zu den aussterbenden Handwerksberufen. Kubesch weiß von vier Meistern in Deutschland, die in diesem Beruf ausbilden – sich selbst eingeschlossen. „Die Alten geben ihr Wissen nicht weiter, denn sie wollen sich keine Konkurrenz heranziehen“, sagt er. Messer und Schwerter als Waffen tauchen in Kinofilmen vermehrt auf, das Mittelalter ist wieder „in“, da verkaufen sich die Spezialwaren aus Fulda gut.

Auch Jens Kubesch hat eine Faszination für seine Geräte, von denen er eines selbst am Gürtel trägt. „Als Kind war das verboten und schon allein deswegen interessant“, sagt er. Mit 14 Jahren hat er ein Praktikum gemacht im alt eingesessenen Fuldaer Messergeschäft von Josef Schuhmann. Ein Jahr später begann er seine Ausbildung, wurde Geselle und machte gleich im Anschluss seinen Meister – im zarten Alter von knapp 21 Jahren. Heute verbindet er die alte Tradition des Handwerks mit den neuen Techniken der Stahlbearbeitung.

Als sein früherer Chef mit 93 Jahren starb, hat Kubesch zunächst die Werkstatt übernommen und dann das Geschäft. „Die Kunden haben mich als jungen Mann akzeptiert. Bei den Banken aber war das damals eine andere Sache“, erinnert er sich. Die Eltern sprangen in die Bresche, und Kubesch ist heute einer der Messerschmiede in Deutschland, der junge Leute ausbildet. „Vom Sommer an habe ich vier Azubis“, sagt er.Die werden allerdings, so will es die neue Ausbildungsordnung, nicht mehr einfach Messerschmied. „Das heißt jetzt Schneidwerkzeugmechaniker mit Schwerpunkt Schneidemaschinen- und Messerschmiedetechnik“, sagt er.Die Ausbildung dauert dreieinhalb Jahre. Bis ein Geselle für das Unternehmen Geld verdient, vergehen weitere zwei Jahre. „In den ersten Jahren lässt man da ganz schön Fleisch und Blut“, sagt Kubesch. Und vor Verletzungen sind auch gestandene Meister nicht gefeit. Kleine Narben zieren seine Hände und Unterarme, am Mittelfinger trägt er ein dickes Pflaster. „Das ist das Berufsrisiko“, sagt Kubesch.

Aber wenigstens habe er sich noch nie etwas richtig Schlimmes getan. „Ich habe Kollegen, die schneiden sich eine Sehne durch. Das ist richtig schmerzhaft.“ Dabei sind die Hände fast sein wichtigstes Handwerkszeug. Aus einer großen Stahlplatte arbeitet der Schmied das Messer. „Erst mit der Metallsäge, dann mit Feilen und der Schleifmaschine“, erläutert Kubesch. Nach dem Aufenthalt in einer Härterei kommt das Messer veredelt zurück nach Fulda. Ganz zum Schluss kommt der Griff daran, und ihm wird eine Hülle aus Leder oder aus Kunststoff genäht.

Zahlreiche seiner Kunden haben ihr erstes Messer aus einer Kleinserie gekauft, um es auszuprobieren. „Nach einiger Zeit kommen sie dann wieder und wollen ein Einzelstück haben, das ganz auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.“ Knapp 200 Euro kostet so ein Messer mindestens. Aber die Preise bei Kubesch gehen noch in viel höhere Regionen. „3000 bis 4000 Euro für ein Sammlermesser: Das ist keine Seltenheit“, sagt er

Frankfurter Rundschau, 29. Mai 2006

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